Kein Kinderwunsch mit 30? Du bist kein Freak, sondern ziemlich normal.

Kein Kinderwunsch

Mareike, Laura und Yvonne. Die Namen sind beliebig austauschbar. Denn gefühlt alle Frauen fangen mit Ende 20, Anfang 30 an, ein Nest zu bauen. Naja fast alle. Du stehst am Rand, schaust zu und fragst dich hin und wieder, ob mit dir eigentlich alles in Ordnung ist.

Du würdest gern einfach mitmachen, dazugehören. Aber du fühlst “es” einfach nicht. Ja was genau eigentlich? Das, wovon dir all diese Frauen auf der Arbeit, im Café oder beim Zumba berichten, ist bei dir nicht existent. So sehr du auch suchst, so tief du auch gräbst: dir will kein Kinderwunsch begegnen.

So, jetzt ist es raus. Puh. Erstmal tief durchatmen!

Deine biologische Uhr ist nicht kaputt, nur weil sie nicht tickt.

Vielleicht fühlt es sich gerade so an, als würdest du damit alleine stehen. Als wärst du ein Freak. Doch deine biologische Uhr ist nicht defekt, nur weil sie nicht tickt. Du bist stattdessen ehrlich gesagt ziemlich normal. Denn du teilst dir diese Gedanken und Gefühle mit so vielen Frauen da draußen. Es sprechen halt nur wenige drüber.

Also lass uns doch mal checken, was es mit diesem vielbeschworenen Kinderwunsch so auf sich hat:

Der Kinderwunsch ist keine biologische Selbstverständlichkeit.

Denn historisch gesehen ist der Kinderwunsch etwas Neues. Damit so etwas wie ein Kinderwunsch überhaupt im Bewusstsein entstehen kann, braucht es Optionen. Und die hatten Frauen über lange Zeit nicht. Aufgrund von fehlenden Möglichkeiten zur sicheren Verhütung oder -in früheren Zeiten- auch durch Einflussnahme von Staat oder Kirche. Dies führte teilweise übrigens auch zu ungewollter Kinderlosigkeit, da nur verheiratete Frauen Kinder bekommen durften. Daran zeigt sich, dass gesellschaftliche Normen und auch gesetzliche Regulierung schon in früheren Zeiten Einfluss auf die persönliche Situation des Kinder bekommen hatten.

Jedenfalls ist das doch irgendwie logo, oder? Für einen bewussten Kinderwunsch braucht es das Bewusstsein darüber, dass man wählen kann. Die Grundlange für den sogenannten “Kinderwunsch”, wie wir ihn heute verstehen, kam mit der besseren Verfügbarkeit von Verhütungsmitteln zu Beginn der 60ger Jahre.¹

Und dieser Kinderwunsch selbst ist by the way nicht, wie von vielen behauptet, eine biologische Selbstverständlichkeit. So wird ja in dem Zusammenhang gern argumentiert, dass irgendwas biologisch bei einer Frau nicht stimmen kann, wenn sie den Kinderwunsch nicht fühlt.

Doch vielmehr setzt sich dieser geheimnisvolle Wunsch nach einem Baby aus wissenschaftlicher Sicht aus vielen verschiedenen Faktoren wie Soziologie, Biologie, der eigenen Motivation aber auch aus ökonomischen und kulturellen/gesellschaftlichen Faktoren zusammen.²

Ebenfalls in den 60ger Jahren fingen Frauen daher an, sich -auch öffentlichkeitswirksam- gegen die automatische Verknüpfung von Frausein & Mutterschaft zu wehren. Die Annahme, dass der Kinderwunsch etwas “Natürliches” ist, das jeder Frau buchstäblich in die Wiege gelegt wurde,  ist widerlegt. Das Kümmern liegt uns nicht in den Genen, sondern wird beeinflusst von vielen verschiedenen, prägenden Faktoren.³
Bei genauerem Hinsehen ist dieser Kinderwunsch also eine Art komplexes, fast theoretisches Konstrukt. Und über die Jahre wurde dieses Konstrukt mit einer Monsterportion Emotionen aufgeladen.

Kinder? Will doch jeder.

Manchmal scheint es mir, als seien Kinder der kleinste gemeinsame Nenner, der fast alle verbindet. Kinder? Will doch jeder und zwar durch alle Bubbles hinweg. Damit wir uns nicht missverstehen: Ich finde das total okay.  Jeder Mensch der die Entscheidung für Kinder trifft und darin tatsächlich Erfüllung findet, ist zu beglückwünschen.

Das Problem ist doch vielmehr, dass alternative, erfüllende Lebensstile ohne Kinder kaum (öffentlich) stattfinden. Die tickende Uhr, spätestens ab 29 ist offenbar eine Selbstverständlichkeit, ein regelrechter Automatismus! Heiraten, Hausbau, Nestbau. Dafür sorgen bei vielen Paaren noch immer gesellschaftlich verankerte, traditionelle Familien- und Rollenbilder und nicht zuletzt Instagram. Ja wirklich, ich dachte ja zuerst, nur ich hab diesen Eindruck. Doch dann wurde auch im Dokumentarfilm “My so called selfish life” dieses Thema aufgegriffen:

Alles rund ums Kinderbekommen kann -wie jedes andere Thema- auf Social Media künstlich inszeniert werden. Influencer*innen und Prominente machen es vor: Es fängt beim Kinderwunsch und auf Lammfell arrangierten Ultraschall-Fotos an, geht weiter über aufwändig dokumentierte Babyauchshootings, öffentlichkeitswirksames Gender-Revealing und zuckersüße Bilder von frischgeschlüpften Säuglingen.

Da scheint es fast so, als wäre neben all dem, was es für eine Frau in dieser Gesellschaft zu erreichen gilt, ein Kind die süße, kleine mini-me Kirsche auf dem Sahnehäubchen des perfekt durchgestylten Lebens. Das Netz wimmelt von solchen inszenierten Bildern, die transportieren:
Sich Kinder zu wünschen und welche zu haben gehört zu einem gelungenen Leben dazu! Es ist die ultimative Erfüllung.

Und auch, wenn selbstverständlich nicht alle Eltern sich und ihre Kinder künstlich inszenieren:
Diese romantisierte, weichgezeichnete, bis ins Letzte inszenierte Form des Familienlebens, wie es teilweise auf Social Media präsentiert wird, trägt keinesfalls dazu bei, dass Frauen sich normal und zugehörig fühlen, wenn bei ihnen kein Kinderwunsch vorhanden ist. Eher zwingt sich regelrecht die Frage auf, warum man -gefühlt als Einzige- so etwas Zuckerwatte-weiches & Süßes nicht auch im eigenen Leben möchte. Und die eigene Ahnung,  dass das Kinder bekommen und großziehen mitunter zeitweise ganz schön bitter schmecken kann, wird angezweifelt.

Kein Kinderwunsch? Entspann dich, Lady!

Doch es gibt auch andere Stimmen. Immer mehr Frauen beginnen, die Entscheidung fürs Mutter-werden infrage zustellen. Fragen sich, ob sie ihr Leben nicht an anderen Zielen ausrichten wollen. Auch Themen wie “Regretting Motherhood” werden auch im deutschsprachigen Raum immer häufiger besprochen.

Dabei wird oft deutlich, dass einige der Mütter, die heute ihre Mutterschaft bereuen, gar nicht wussten, dass sie eine Wahl hatten. Sie wussten es natürlich -rein theoretisch-. Aber manchen von ihnen war nicht bewusst, dass sie sich tatsächlich und ganz in echt einfach gegen die Mutterschaft entscheiden können, entscheiden dürfen. Und vielleicht wollten oder konnten einige von ihnen auch nicht dazu stehen, diesen Wunsch nicht in sich zu spüren.

Du bist frei!

Und damit zum wichtigsten Punkt: Du hast die Wahl. Das Leben mit Kindern ist eine Option von vielen.

Ich selbst habe echt ein bisschen gebraucht, um zu verstehen, dass ein nicht vorhandener Kinderwunsch nicht etwa so etwas wie ein Makel, sondern in the first place erstmal einfach nur ein Fakt ist. Es gibt Frauen, die haben ihn – ich habe ihn nicht. Punkt. Und jetzt?

Und umso mehr ich nachdachte und mich an diesen Fakt gewöhnte, umso klarer wurde mir, dass ich, wenn ich diese Option nicht wähle, sich stattdessen vor mir drölfzigtausend anderer Möglichkeiten auftun. Dass das Ganze vielleicht sogar wie eine Art eine Einladung ist. Eine Einladung, so richtig mein eigenes Ding zu machen. (Falls du mehr über meine eigene childfree journey lesen willst, ist dieser Blogartikel für dich).

Denn die Entscheidung für ein Leben ohne Kinder ist die Entscheidung für ein Leben mit tausendundeiner anderen Möglichkeiten. Ein freies und ganz und gar selbstbestimmtes Leben. Sich dafür entscheiden zu dürfen, ist ein Geschenk und nicht weniger als ein Privileg. Ein Privileg, das sich viele Frauen der früheren Generationen gewünscht haben.

Und daher bin ich überzeugt: die Frauen ohne Kinderwunsch, die vermeintlichen Freaks von heute, sind die freien und kinderlos überglücklichen Frauen von morgen!

Quellen

¹ Rille-Pfeiffer, Christiane (2010): “Kinder-jetzt, später oder nie”. Budrich Uni Press
² Häberling, Isabel N. (2013): “Kinder zwischen Wunsch und Wirklichkeit”. Zürich: Seismo Verlag
³ Reinhardt, Susie (2005): “FrauenLeben ohne Kinder”. Frankfurt am Main: mvGVerlag

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